46. Kapitel

Maria sprach zu ihrem Sohn und sagte: „Gesegnet seist du, der ohne Anfang und ohne Ende ist. Du hattest den edelsten und schönsten Leib. Du warst der tapferste und tüchtigste Mann. Du warst das allerwürdigste Wesen.“
Der Sohn antwortete: „Deine Worte, die aus deinem Munde ausgehen, sind mir lieblich und erquicken das Innerste meines Herzens wie der lieblichste Trank. Du bist mir lieber als alle anderen Wesen. Denn wie verschiedene Gesichter in einem Spiegel geschaut werden, aber keines mehr gefällt als das eigene, so liebe ich sicher meine Heiligen, aber dich liebe ich doch mit einer besonderen Liebe, da ich aus deinem Fleisch geboren bin.

Du bist wie eine Myrrhe, deren Duft zur Gottheit aufstieg und die Gottheit herab in deinen Leib führte. Dieser Duft führte deinen Leib und deine Seele zur Gottheit, ob du nun mit Leib und Seele bist. Gesegnet seist du, denn über deine Schönheit freuen sich die Engel. Durch deine Kraft werden alle befreit, die dich mit aufrichtigen Herzen anrufen. In deinem Licht erzittern alle Dämonen, und sie wagen nicht, in deinem Glanze zu verharren, denn sie wollen immer im Dunkel bleiben.

Du gabst mir einen dreifachen Lobpreis, denn du sagtest, dass ich den edelsten Leib hätte, zweitens, dass ich der tapferste Mann war, und drittens, dass ich das allerwürdigste Wesen war, Diesen drei Dingen wird nur von denen widersprochen, die Leib und Seele haben. Sie sagen, dass ich den schändlichsten Körper habe, dass ich der verächtlichste Mann und das elendeste Wesen bin.
Denn was ist schändlicher, als andere zur Sünde zu verlocken? Sie behaupten nun, dass mein Körper zur Sünde verleite, indem sie sagen, dass Sünde nicht so schlimm ist, wie behauptet wird, und Gott nicht in dem Maß missfallen würde. Sie sagen, dass nichts zustande kommt, ohne dass Gott es will, dass es so sein soll, und dass nichts geschaffen ist, außer von ihm. „Warum sollen wir sie (die Sünde) dann nicht begehen, die zu unserem Nutzen geschaffen ist? Die Gebrechlichkeit der Natur verlangt dies jedoch, und so haben ja alle vor uns gelebt und leben noch.“

So reden die Menschen jetzt von mir, und meine Menschengestalt, in der ich, der wahre Gott, unter den Menschen auftrat, als ich ihnen von Sünde abriet und ihnen zeigte, wie schwer sie ist – die nennen sie schändlich, so als hätte ich ihnen zu etwas geraten, was unnütz und schamlos ist. Sie sagen, dass nichts ehrbar außer der Sünde ist, und was ihrem Willen behagt. Sie sagen auch, dass ich der schmählichste Mann bin.

Was ist schändlicher, als dass ein Mann, der die Wahrheit sagt, erleben muß, dass man ihn dann mit Steinen auf den Mund schlägt und ihm ins Gesicht schlägt und er außerdem Schimpfworte hören muß, indem sie sagen: „Wenn er ein Mann wäre, würde er sich rächen. „So verfahren sie mit mir.

Ich rede zu ihnen durch Lehrer und die Heilige Schrift, aber sie sagen, dass ich Lügen spreche. Sie schlagen mich mit Steinen und mit geballten Fäusten auf den Mund, wenn sie Ehebruch, Totschlag und Lügen begehen, und sie sagen: „Wenn er mannhaft wäre, wenn er der allmächtige Gott wäre, würde er eine solche Übertretung strafen.“
Ich ertrage dies aber mit Geduld, und täglich höre ich sie sagen, dass die Pein (in der Hölle) weder ewig noch so bitter ist, wie es heißt, und dass meine Worte unwahr sind. Drittens halten sie mich für das nichtsnutzigste Wesen. Denn was ist im Hause wertloser als Hund und Katze, für die man gern ein Pferd nehmen würde, wenn man tauschen könnte? Aber der Mensch hält mich für wertloser als den Hund; er würde mich auch gar nicht nehmen wollen, wenn er dafür auf den Hund verzichten müsste, und ehe er auf das Hundefell verzichten wollte, will er mich verwerfen und verleugnen.

Gibt es etwas, das dem Sinn so wenig behagt, dass man gar nicht daran denkt und es mehr begehrt, als mich? Denn wenn sie mich höher schätzen würden, als irgendein geschaffenes Wesen, dann würden sie mich mehr als andere Dinge lieben. Aber nun haben sie nichts, was so klein ist, dass sie es nicht höher schätzen, als mich. Über alles sorgen sie sich mehr, als über mich. Sie bekümmern sich über ihre eigenen Verluste oder die ihrer Freunde. Sie sind traurig über ein beleidigendes Wort, sie machen sich keine Sorgen, andere Menschen zu beleidigen, die höher stehen als sie, aber es macht ihnen nichts aus, mich zu beleidigen, den Schöpfer aller Dinge. Welcher Mensch ist so verachtet, dass er nicht gehört wird, wenn er um etwas bittet, und keine Gegengabe erhält, wenn er vorher etwas fortgibt? Ich dagegen bin in ihren Augen äußerst lumpig und verächtlich, denn sie meinen, ich sei nichts Gutes wert, obwohl ich ihnen alles Gute gegeben habe.

Du, meine Mutter, hast mehr von meiner Weisheit erfahren, als andere, und nie ging aus deinem Munde etwas anderes hervor, als Wahrheit. Ich werde mich nun in den Augen aller Heiligen rechtfertigen; erstens gegenüber dem, der sagte, ich hätte den hässlichsten Leib, und ich werde beweisen, dass ich sicher den alleredelsten Körper habe, ohne Makel und Sünde, und er wird von ewiger Schande betroffen werden, die alle zu sehen bekommen.

Was den betrifft, der gesagt hat, dass meine Wort unwahr wären, und dass er nicht gewusst hat, wie weit ich Gott sei oder nicht, will ich beweisen, dass ich in Wahrheit Gott bin, und er wird wie Kot in die Hölle niederfahren. Aber den dritten, der mich für den allerschäbigsten hielt, den werde ich zu ewiger Verdammnis verurteilen, so dass er niemals meine Ehre und meine Freude sehen darf.“

Dann sagte er zur Braut (Birgitta). „Verharre standhaft in meinem Dienst. Du bist wie in eine Mauer hineingekommen, in der du eingeschlossen bist, so dass du nicht fliehen oder das Fundament untergraben kannst. Ertrage also die kleine Trübsal willig, so wirst du später ewige Ruhe in meinen Armen finden. Du kennst den Willen des Vaters, du hörst die Worte des Sohnes, du kennst meinen Geist, du hast Trost und Freude im Gespräch mit meiner Mutter und mit meinen Heiligen. Bewahre deshalb Standhaftigkeit, sonst wirst du meine Gerechtigkeit kennenlernen, durch die du dann gezwungen würdest, das zu tun, wozu ich dich jetzt mild ermahne.“