23. Kapitel

Viele möchten wissen, warum ich mit dir spreche. Sicher deshalb, dass meine Demut offenbar werde. Denn wie das Herz sich nicht über ein krankes Glied im Körper freut, bevor es die Gesundheit nicht wiedererlangt hat und sich noch mehr freut, nachdem es wieder hergestellt ist, so bin ich, wenn ein Mensch sündigt, aber sich von ganzem Herzen und mit wahrer Besserung zu mir zurückkehrt, gleich bereit, den Zurückgekehrten zu empfangen, und ich achte nicht darauf, wie viel er gesündigt hat, sondern auf die Absicht und den Willen, den er hat, wenn er zurückkehrt.

Ich werde von allen „Mutter der Barmherzigkeit“ genannt. In Wahrheit, meine Tochter, hat mich die Barmherzigkeit meines Sohnes barmherzig gemacht, und sein Erbarmen, das ich sah, hat mich mitleidig gemacht. Deshalb wird der unglücklich werden, der sich nicht an die Barmherzigkeit wendet, solange er kann. Komm also, du meine Tochter, und birg dich unter meinem Mantel. Der ist nach außen hin verächtlich, aber inwendig aus drei Gründen nützlich. Erstens schützt er gegen stürmisches Wetter. Zweitens schützt er vor der schneidenden Kälte. Drittens hält er den Regen ab.

Dieser Mantel ist meine Demut. Er scheint für die, die die Welt lieben, verächtlich, und sie halten es für Torheit, ihm zu folgen. Aber was ist verächtlicher, närrisch genannt zu werden und nicht wütend zu sein oder auf eine Rede zu antworten? Was ist schmählicher, als alles Fortzugeben und dann an allem Mangel zu leiden? Was ist unter den Weltmenschen schmerzhafter, als ein zugefügtes Unrecht zu übersehen und sich für unwürdiger zu halten, als alle anderen?

So, meine Tochter, war meine Demut; das war meine Freude und mein ganzer Wille, denn ich dachte nicht daran, jemand anderes zu gefallen als meinem Sohn, und diese Demut hilft denen, die mir folgen, auf dreifache Weise. Erstens gegen Krankheiterregendes und stürmisches Wetter, d.h. gegen Schimpfen und mangelnde Achtung der Menschen.
Denn wie stürmisches und hartes Wetter den Menschen von allen Seiten bedrängt und umwirft und ihn abkühlt, so werfen Schmähungen leicht einen Menschen nieder, der ungeduldig ist und nicht auf die Zukunft achtet, und treiben die Liebe aus seiner Seele fort. Wer aber fleißig auf meine Demut achtet und alles bedenkt, was ich, die Frau von allen, zu hören bekam, der sollte meinen Lobpreis und nicht den seinen suchen. Er sollte bedenken, dass Worte nichts anderes sind als Luft, und da wird er schnell Erquickung finden.

Denn warum sind Weltmenschen so ungeduldig bei Worten und Schmähungen, wenn nicht deshalb, weil sie mehr ihr eigenes als Gottes Lob suchen, und sich keine Demut bei ihnen findet? Ihre Augen sind ja blind für ihre Sünden. Obwohl die geschriebene Gerechtigkeit sagt, dass man auf Schimpfworte nicht hören oder sie ohne Grund ertragen soll, ist es tugendhaft und lobenswert, Gott zuliebe ein zugefügtes Unrecht geduldig anzuhören und zu ertragen.
Zweitens schützt meine Demut gegen schneidende Kälte, d.h. gegen weltliche Freundschaft. Es gibt nämlich eine Freundschaft, mit der der Mensch um dieser zeitlichen Dinge willen geliebt wird, so wie die, die so reden: „Mach du mich satt, so will ich dich in diesem Leben sättigen, denn ich kümmere mich nicht darum, wer dich nach dem Tode Sattmachen wird.

Ehre du mich, so will ich dich ehren, denn es berührt mich wenig, welche Ehre in der Zukunft kommen wird.“ Eine solche Freundschaft ist kalt und ohne Gottes Wärme, hart wie gefrorener Schnee, wenn es darum geht, den bedürftigen Mitmenschen zu lieben und Mitleid mit ihm zu haben, und unfruchtbar an Lohn. Denn wenn sich die Gesellschaft auflöst und die Tafel aufgehoben wird, da ist gleich der Nutzen aller Freundschaft zu Ende, und ihre Frucht ist leer. Wer aber meiner Demut folgt, der tut allen Gott zuliebe Gutes, sowohl Feinden als auch Freunden; seinen Freunden, weil sie treu an Gottes Ehre festhalten, seinen Feinden, weil sie Gottes Geschöpfe sind und vielleicht auch gut werden.

Drittens schützt das Betrachten meiner Demut gegen Regenschauer und Unreinheit im Wasser, das aus den Wolken kommt. Denn die Wolke entsteht aus der Feuchtigkeit und den Dünsten, die aus der Erde austreten, die mit der Wärme zum Himmel aufsteigen und sich dort oben verdichten, und aus der Wolke, die so entsteht, gehen drei Dinge hervor: Regen, Hagel und Schnee. Diese Wolke ist Sinnbild für den Leib des Menschen, der aus Unreinheit hervorgeht.

So wie die Wolke besitzt der Körper drei Dinge. Er kann nämlich hören, sehen und fühlen. Daraus, dass der Körper sehen kann, hat zur Folge, dass er auch begehrt, was er da sieht: Güter, schöne Gesichter und ausgedehnte Besitzungen. Was ist das alles, als wie Regen, der aus den Wolken strömt? Das Begehren, zu sammeln, befleckt die Seele, versetzt sie durch Kummer in Unruhe, lenkt sie durch unnütze Gedanken ab und beunruhigt sie, dass sie das Gesammelte wieder verliert.
Daraus, dass der Körper hören kann, folgt natürlich, dass er sein eigenes Lob und die Freundschaft der Welt hört. Er hört all das, was angenehm und nützlich für den Leib ist, aber schädlich für die Seele. Was ist dies alles, wenn nicht wie Schnee, der schnell wieder schmilzt? Er macht die Seele kalt für Gott und verhärtet gegen Demut.

Daraus, dass der Körper fühlen kann, folgt, dass er gern seine eigene Lust und Bequemlichkeit spürt. Was ist dies anderes, als wie Hagel, der aus dem unreinen Wasser zusammengefroren ist? Das macht die Seele unfruchtbar für das Geistliche, stark für das Weltliche und nachgiebig, wenn es die Genüsse des Körpers gilt. Daher sollte ein jeder, der sich vor dieser Wolke schützen möchte, zu meiner Demut fliehen und ihr nacheifern. Denn durch sie wird er gegen das Verlangen des Sehen geschützt, so dass er sich nicht danach sehnt, was unzulässig ist; er wird gegen die Lust des Hörens verteidigt, so dass er nichts hört, was wahrheitswidrig ist; er wird gegen die Wollust des Fleisches verteidigt, so dass er nicht in Versuchung zu unerlaubten Dingen fällt.

Ich sage dir in Wahrheit, dass dies Betrachtung meiner Demut wie ein guter Mantel ist, der die wärmt, die ihn tragen, nämlich die, die ihn nicht allein in Gedanken tragen, sondern auch mit der Tat. Der Mantel des Körpers wärmt ja nicht wenn er nicht getragen wird, und meine Demut nützt auch denen nichts die nur daran denken, sondern nur dem, der nach seinem geringen Vermögen versucht, ihr nachzueifern.

Daher sollst du, meine Tochter, dich mit all deinen Kräften mit dieser Demut kleiden. Die Frauen der Welt tragen Mäntel, die nach außen Hoffart zeige, aber inwendig wenig Nutzen. Vermeide diese Kleider ganz und gar, denn wenn die frühere Liebe zur Welt für dich nicht verblasst, wenn du nicht beständig an Gottes Barmherzigkeit gegen dich und an deine Undankbarkeit ihm gegenüber denkst, wenn du nicht stets daran denkst, was du getan hast und was du tust, und welches Urteil du dafür verdienst, so kannst du dir den Mantel meiner Demut nicht aneignen.

Denn warum habe ich mich so sehr gedemütigt, und warum verdiente ich eine so große Gnade, wenn nicht deshalb, weil ich dachte und wusste, dass ich von mir selbst aus garnichts war oder hatte? Deshalb wollte ich auch nichts von meinem eigenen Ruhm wissen, sondern nur von dem des Gebers und Schöpfers. Fliehe daher, meine Tochter, unter den Mantel meiner Demut, und denke, dass du sündiger als alle anderen bist. Denn auch wenn du manche Böse siehst, so weißt du ja nicht, was noch aus ihnen werden wird, oder in welcher Absicht oder mit welchem Wissen sie dies tun, ob es nur aus Schwachheit oder mit festem Vorsatz geschieht. Halte dich also nicht für besser als andere und verurteile andere nicht in deinem Herzen.