4. Kapitel

Christus spricht zur Braut: „Von zwei Geistern werden Gedanken und Eingebungen ins Herz der Menschen eingegossen, nämlich von einem guten und einem bösen Geist. Der gute Geist rät dem Menschen, an das zukünftige Himmlische zu denken, und das Zeitliche nicht zu lieben. Der böse Geist rät dem Menschen, das Sichtbare zu lieben, zu machen, dass die Sünde leicht aussieht, er sendet Schwächen, stellt das Beispiel schwacher Menschen als Vorbild hin.

Sieh, ich will dir im Bild beschreiben, wie die beiden Geister das Herz der Königin entzünden, die du kennst und über die ich früher mit dir gesprochen habe. Der gute Geist gibt ihr diese Gedanken ein: Reichtümer sind mit Mühe verbunden, weltliche sind wie Wind, fleischliche Genüsse wie ein Traum, die Freude ist vergänglich und alles Weltliche ist eitel; dagegen ist das Gericht unausweichlich und der Peiniger sehr hart.
Es scheint mir deshalb für den Menschen sehr schwierig, strenge Rechenschaft über vergängliche Reichtümer abzulegen, geistliche Schandtaten als eitlen Wind zu ernten, lange Trübsal für ein kurzes Vergnügen zu ertragen und darüber Rechenschaft vor dem abzulegen, der alles kennt, noch ehe es zustande kommt.

Deshalb ist es sicherer, vieles aufzugeben und damit weniger Rechenschaft abzulegen, als in vielerlei Dinge verstrickt zu werden und eine lange und mühevolle Rechenschaft ablegen zu müssen.
Der böse Geist gibt den Menschen dagegen solche Gedanken ein: Lass solche Gedanken fahren, denn Gott ist milde und sehr leicht zu besänftigen. Hab freimütig das Gute und schenke großzügig, was du hast. Du bist ja dazu geboren, Reichtümer zu besitzen, und Reichtümer wurden dir gegeben, damit du berühmt wirst, und gib dem, der etwas von dir haben will. Aber wenn du deine Reichtümer aufgibst, musst du denen dienen, die dir jetzt dienen; dein Ansehen wird dann geringer und dein Ärger größer. Der arme Mensch wandert nämlich ohne Freude.

Es ist schwer für dich, dich an neue Sitten zu gewöhnen, dein Fleisch durch fremde Gewohnheiten zu bändigen und ohne eine Bedienung zu leben. Halte daher an der Ehre fest, die du empfangen hast, lebe königlich nach deinem Stande und betreue dein Haus auf ehrsame Weise. Wenn du deinen Wandeln änderst, wirst du wegen Unstetigkeit getadelt. Fahre fort, so zu leben, wie du begonnen hast, so wirst du ehrenreich vor Gott und Menschen.

Wieder gibt der gute Geist der Seele dieser Königin seine Ratschläge ein, indem er sagt: Ich kenne zwei Dinge, die ewig sind, nämlich den Himmel und die Hölle. Wer Gott über alles liebt, wird nicht in den Himmel kommen. Auf dem Weg zum Himmel ging der Menschgewordene Gott selbst voran und bekräftige ihn mit Zeichen und mit seinem Tod. O wie ehrenreich ist doch das Himmlische, wie bitter ist die Bosheit des Teufels, und wie eitel das Irdische!

Diesem Gott folgte seine Mutter und alle Heiligen, die lieber alle Qualen ausstehen und auf alles verzichten wollten, ja sogar sich selbst verachteten, um nicht das Himmlische und Ewige zu verlieren. Daher ist es sicherer, Ehre und Reichtümer rechtzeitig zu verlassen, als bis zum Ende daran festzuhalten, denn es kann passieren, dass man die Erinnerung an die Sünden vergisst, wenn die Schmerzen bis zum Äußersten zunehmen. Und da werden die, die sich nicht um meine Erlösung kümmern, an sich raffen, was ich gesammelt habe.

Die Eingebung des Teufels wendet dagegen ein: Hör auf, so zu denken! Wir sind schwache Menschen; Christus dagegen ist Gott und Mensch. Wir brauchen unsere Taten nicht mit denen der Heiligen zu vergleichen, die ja größere Gnade von Gott und Freundschaft mit ihm hatten. Es reicht für uns, auf den Himmel zu hoffen, in unserer schwachen Art zu leben und unsere Sünden mit Almosen und Gebeten wieder gutzumachen. Es ist kindische und töricht, mit etwas Ungewohntem zu beginnen und es dann nicht befolgen zu können.

Die gute Eingebung antwortet von neuem: Ich bin unwürdig, mit den Heiligen verglichen zu werden. Doch ist es ist ganz sicher, sich so allmählich auf die Vollkommenheit hinzuarbeiten. Was sollte mich denn daran hindern, mich an das Ungewöhnliche zu wagen? Gott ist ja imstande, Hilfe zu geben. Oft geschieht es ja, dass irgendein armer Mann dem Wege eines mächtigen und reichen Herren folgt. Und wenn auch der vornehme Herr schneller zur Herberge gelangt, eine leckere Kost genießen und in einem weichen Bette ruhen kann, kommt doch auch der Arme zur selben Herberge, wenn auch später und kann die Reste der Mahlzeit des vornehmen Herrn genießen – das hätte er nicht bekommen, wenn er seinem Wege nicht gefolgt wäre, und seine Herberge nicht aufgesucht hätte.

So sage ich auch jetzt, dass ich – wenn ich auch nicht wert bin, mit den Heiligen verglichen zu werden – doch den Weg einschlagen will, den sie (die Heiligen) gewählt haben, um zumindesten Teil an ihren Verdiensten zu haben. Es sind nämlich zwei Dinge, die meinen Sinn beunruhigen. Erstens, dass der Hochmut Macht über mich erhält, wenn ich in meinem Vaterland bleibe. Die Liebe zu meinen Verwandten, die um Hilfe bitten, bedrückt meine Sehnsucht.

Der Überfluss an Personal und an Kleidern macht mir Mühe. Daher ist es für mich bequemer und ratsamer, vom Sitz des Hochmuts herabzusteigen und meinen Leib mit einer Pilgerfahrt zu demütigen, als in meinem ehrenvollen Stande zu verweilen und Sünde auf Sünde zu häufen.
Außerdem bedrücken mich die Armut und die Hilferufe des Volkes; ich müsste ihm beistehen, aber es belastet mich, weil ich so nah dabei bin. Deshalb ist mir ein guter Rat vonnöten.

Die böse Eingebung und die des Teufels antwortet: Sich auf Pilgerfahrt zu begeben, ist Sache unsteter Menschen. Barmherzigkeit ist doch Gott wohlgefälliger als Opfer. Wenn du aus deinem Vaterland verreist, kommen gewinnsüchtige Leute, die von dir haben sprechen hören, um dich auszuplündern und dich gefangenzunehmen. So sollst du statt Freiheit Gefangenschaft erleiden, statt Ehre Schande, statt gemächlicher Ruhe Unruhe und Trübsal.
Der gute Geist kommt nun mit dieser Eingebung: Ich hörte über einen erzählen, der gefangen genommen wurde, der in einem Turme saß, und der in der Gefangenschaft und Dunkelheit größeren Trost empfand, als er je in seinem Überfluss und seiner zeitlichen Freude verspürt hatte. Wenn es daher Gott gefällt, mir Trübsal zu schicken, so wird mir das zu größerem Verdienst gereichen. Gott ist ja milde, mich zu trösten und bereit, mir beizustehen, vor allem wenn ich mein Land nur um meiner Sünden willen verlasse, und um Gottes Liebe zu gewinnen.

Die böse Eingebung und die des Teufels antwortet erneut: Wenn du unwürdig bist, Trost von Gott zu empfangen, und wenn du ungeduldig warst, als es um Armut und Demut ging, da wirst du die Strenge bereuen, die du dir auferlegt hast, denn du kommst dazu, einen Stock statt eines Ringes in der Hand zu halten, ein simples Tuch auf deinem Kopf statt einer Krone, und einen schäbigen Sack statt eines Purpurgewandes. Der gute Geist antwortet: Ich habe gehört, dass die heiligen Elisabeth, Prinzessin von Ungarn, erzogen in Weichlichkeit und vornehm verheiratet, große Armut und Schmach ertrug, aber in der Armut größeren Trost und eine herrlichere Krone von Gott empfing, als wenn sie in aller weltlichen Ehre und Freude verblieben wäre.

Wieder flüstert die böse Eingebung: Was willst du machen, wenn Gott dich den Händen von Männern überlässt, die deinem Körper Gewalt antun? Könntest du das vor Scham ertragen? Müsstest du nicht untröstlich über deinen Starrsinn trauern, und deine ganze Sippe sich schämen müssen? Und da kommst du gewiss dazu, Ungeduld und Angst im Herzen zu empfinden und Gott undankbar zu werden. Du wirst dir geradezu den Tod wünschen. Kannst du da noch wagen, dich zu zeigen, wenn du in aller Munde so verspottet wirst?

Der gute Gedanke antwortet wiederum: Ich habe von den Schriften gehört, dass die heiligen Jungfrau Lucia in ein Bordell überführt wurde, aber sie war standhaft im Glauben, tröstete sich mit Gottes Güte und sagte: Wie oft mein Körper auch vergewaltigt wird, ich bin doch eine Jungfrau, und meine Krone wird verdoppelt werden. Und Gott sah ihren Glauben und bewahrte sie unbeschadet. So sage ich, dass Gott, der niemanden über Vermögen versucht werden lässt, meine Seele, meinen Glauben und meinen Willen bewahren wird. Ich vertraue mich ihm also ganz an. Sein Wille mit mir geschehe!

Da diese Frau solchen Gedanken ausgesetzt war, will ich sie zu drei Dingen ermahnen. Erstens, dass sie sich erinnern soll, zu welcher Ehre sie auserkoren ist. Zweitens, welche Liebe ihr Gott in ihrer Ehe bewiesen hat. Drittens, wie gnädig sie in dieser Sterblichkeit bewahrt wurde. Ferner will ich sie warnend an drei Dinge erinnern. Erstens, dass sie vor Gott Rechenschaft über ihr ganzes zeitliches Eigentum ablegen wird – ja sogar über das kleinste Scherflein, wie sie es ausgegeben hat. Zweitens, dass ihre Zeit sehr kurz ist, und dass sie kein Wort weiß, bevor sie sterben wird. Drittens, dass Gott die Herrscherin nicht mehr als die Dienerin schont.

Deshalb rate ich ihr drei Dinge. Erstens, das zu bereuen, was sie begangen hat, und für ihre gebeichteten Sünden fruchtbringende Besserung zu tun, und Gott von ganzem Herzen zu lieben. Zweitens rate ich ihr, der Pein des Fegefeuers verständig auszuweichen. Denn so wie der, der Gott nicht von ganzem Herzen liebt, eine große Strafe verdient, so verdient der, der seine Sünden nicht bessert, obwohl er das kann, das Fegefeuer.

Drittens rate ich ihr, eine Zeitlang weltliche Freunde Gott zuliebe zu verlassen und sich, um der Pein des Fegefeuers zu entgehen, sich an einen Platz begibt, wo es einen Richtweg zwischen dem Himmel und dem Tode gibt, weil es dort Ablässe (d.h. Rettung für die Seelen) gibt, die heiligen Päpste gegeben haben, und die Gottes Heiligen durch ihr Blut bewirkt haben.“