50. Kapitel

Die Mutter spricht zur Braut und sagt: „Nichts gefällt Gott so, als wenn der Mensch ihn über alles liebt. Sieh, ich will dir vergleichsweise von einer heidnischen Frau erzählen, die – ohne etwas über den katholischen Glauben zu wissen – bei sich selber dachte: „Ich weiß, aus welchem Stoff ich bin, und wie ich in meiner Mutter Leib gekommen bin. Ich weiß auch, dass ich unmöglich einen Körper, ein Knochengerüst, Eingeweide und Sinne bekommen haben könnte, wenn es mir nicht jemand gegeben hätte und deshalb gibt es einen Schöpfer, der mich zu einem so schönen menschlichen Wesen geschaffen hat, und mich nicht zu so etwas Hässlichem geschaffen hat, wie die Würmer und die Schlangen. Es scheint mir also, dass ich, obwohl ich mehrere Männer habe, wenn sie mich alle rufen würden, lieber dem einzigen Ruf meines Schöpfers folgen würden, als allen diesen Stimmen.

Ich habe auch mehrere Söhne und Töchter, aber wenn ich sehen würde, dass sie Essen in der Hand hätten und wüsste, dass mein Schöpfer hungert, so würde ich sicher meinen Kindern das Essen aus der Hand nehmen und es froh meinem Schöpfer geben. Ich habe ebenso viele Besitztümer, über die ich nach meinem Willen verfügen kann, aber wenn ich den Willen meines Schöpfers kennen würde, würde ich gern auf meinen eigenen Willen verzichten und die Besitztümer zur Ehre meines Schöpfers verwenden.“

Aber sieh nun, Tochter, was Gott mit dieser heidnischen Frau getan hat! Er schickte sie zu einem ihrer Freunde, der sie im heiligen Glauben unterwies. Und Gott besuchte selbst ihr Herz, wie du aus den Worten der Frau verstehen kannst. Denn als dieser Gottesmann ihr predigte, es gäbe nur einen Gott, ohne Anfang und ohne Ende und aller Dinge Schöpfer, antwortete sie: „Es ist wohl zu glauben, dass er, der mich und alle Dinge geschaffen hat, keinen Schöpfer über sich hat, und wahrscheinlich ist es er, dessen Leben ewig ist, der mir Leben schenken konnte.“

Als die Frau weiter hörte, dass derselbe Schöpfer von einer Jungfrau Menschengestalt annahm und mit seinem eigenen Munde predigte, antwortete sie: „Gewiss muss man Gott alle tugendhaften Werke zutrauen. Aber du, Gottes Freund, sag mir, welche Worte es sind, die aus dem Munde des Schöpfers ausgingen, denn ich will meinen eigenen Willen aufgeben und ihm in allen Worten seines Mundes gehorchen.

Als dann Gottes Freund von Gottes Leiden, seinem Kreuzestod und seiner Auferstehung predigte, antwortete die Frau weinend: „Gesegnet sei Gott, der seine Liebe auf Erden so geduldig zeigte, die er im Himmel für uns hegte! Wenn ich ihn früher geliebt habe, weil er mich geschaffen hat, so bin ich jetzt noch mehr verpflichtet, ihn zu lieben, weil er mir den rechten Weg gezeigt und mich mit seinem Blut erlöst hat. Ich muss ihm auch mit allen meinen Kräften und Gliedern dienen, weil er mich auch mit allen seinen Gliedern erlöst hat.

Und weiter bin ich schuldig, all die Sehnsucht zu verjagen, die ich früher für meine Besitztümer, für Kinder und Verwandte hatte, und nur meinen Schöpfer in seiner Herrlichkeit und das Leben zu lieben, das kein Ende hat.“
Gottes Mutter sagte zuletzt: „Sieh, Tochter, welch mannigfachen Lohn diese Frau um ihrer Liebe willen erhalten hat! So wird auch täglich einem jeden Lohn nach der Liebe gegeben, die er für Gott hat, während er auf Erden lebt.“